Veranstaltungsreihe

Momente einer kritischen Theorie der Naturwissenschaften

Die Naturwissenschaften können gelten als pars pro toto der Dialektik der Aufklärung im historischen Prozess menschlicher Naturbeherrschung. Auf der Habenseite stehen hierbei die entfesselten Produktivkräfte einer modernen technischen Zivilisation zu Buche, die mittels z.B. großflächiger industrieller Nahrungsmittelproduktion sowie medizinischer, (bio-)chemischer und pharmazeutischer Technologie Milderung von Leid und ein Leben voller Reichtum, Luxus und Genuss erlauben. Einhergehend mit der Entwicklung westlicher Gesellschaften, die es vermochten, über ihre bloße notwendige materielle Reproduktion hinaus ein Surplus zu erwirtschaften, wurde die Herausbildung der Naturwissenschaften im modernen Sinn möglich. Beispielhaft lässt sich hierzu die Genese der Physik als naturwissenschaftliche Disziplin im Verlaufe des 19. Jahrhunderts lesen. Die kapitalistische Produktionsweise, die auf Wert- und Warenform basiert, gebiert jedoch auch die Schrecken der Moderne. Die Herrschaft von Menschen über Menschen sowie die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die im Krieg aller gegen alle um das Überleben auf dem Markte sich ausdrückt, bedienen sich hierbei des naturwissenschaftlich-technischen Arsenals und können zum Umschlag von Zivilisation in Barbarei führen. Krieg, Zerstörung und Vernichtung entspringen der Geschichte der Gewalt an den Dingen, solange sich Menschen gegenseitig behandeln wie Dinge. Interessanterweise bezieht sich Max Horkheimer in seinem programmatischen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ (1937) einleitend auf den französischen Mathematiker, Physiker und Philosophen Henri Poincaré (1854-1912): „Poincaré vergleicht die Wissenschaft mit einer Bibliothek, die unaufhörlich wachsen soll. Die Experimentalphysik spielt die Rolle des Bibliothekars, der die Ankäufe besorgt, das heißt, sie bereichert das Wissen, indem sie Material herbeischafft. Die mathematische Physik, die Theorie der Naturwissenschaft im strengsten Sinn, hat die Aufgabe den Katalog herzustellen. Ohne den Katalog könnte man sich trotz aller Reichtümer nicht bedienen. ‚Das ist also die Rolle der mathematischen Physik, sie muß die Verallgemeinerung in dem Sinne leiten, daß sie … den Nutzeffekt erhöht.‘ Als Ziel der Theorie überhaupt erscheint das universale System der Wissenschaft.“ (Max Horkheimer: Traditionelle und Kritische Theorie. Fünf Aufsätze, Frankfurt, 1992.) Es stellt sich die Frage, warum die Naturwissenschaften im Kontext von Debatten, die sich auf das kritische Denken von Horkheimer und Adorno stützen, bisher tendenziell eher als randständig angesehen wurden.
Im Rahmen einer Vortragsreihe wollen wir daher zusammen mit verschiedenen Referenten und einem hoffentlich interessierten Publikum versuchen, Momente einer kritischen Theorie der Naturwissenschaften herauszuarbeiten.

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