Hubert Laitko – Marxistische Akzente in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung der DDR

Boris Hessen, John D. Bernal und die Folgen. 

Mittwoch, 15.01.2014 – 19 Uhr, Uni Jena, Hörsaal 7 (Carl Zeiss Str. 3)

Der Auftritt der von N. Bucharin geleiteten sowjetischen Delegation auf dem II. Internationalen Kongress für Wissenschaftsgeschichte in London 1931, insbesondere der Vortrag des Physikers und Physikhistorikers B. Hessen über die sozialen und ökonomischen Wurzeln der Principia Mathematica Isaac Newtons, fand unter britischen Wissenschaftlern ein ungewöhnlich starkes Echo. Während sowohl Hessen als auch Bucharin schon wenige Jahre später dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen, entwickelte sich im Umkreis der linksorientierten Social Relations of Science Movement im England der 1930er Jahre (Bernal, Crowther, Haldane, Needham u. a.) ein von der marxistischen Geschichtsauffassung inspiriertes Bild von der Wissenschaft und ihrer Evolution als Moment der Gesellschaftsgeschichte. Dieses Bild fand seinen programmatischen Ausdruck in den Büchern The social function of science (1939) und Science in history (1954) aus der Feder des Kristallographen und Wissenschaftshistorikers J. D. Bernal. Die 1961 in Berlin erschienene musterhafte deutsche Übersetzung des letztgenannten Werkes war jenes Medium, das das dem marxistischen Denken immanente Anregungspotenzial für die wissenschaftshistorische Lehre und Forschung in der DDR am kompaktesten erschloss. Es bildete eine Art Leitfaden für die Marxismus-Rezeption auf diesem Arbeitsgebiet, die natürlich auch auf zahlreiche weitere Quellen zurückgriff. Der Vortrag skizziert direkte und indirekte Folgen, stellt einige herausragende Vertreter der frühen Wissenschaftsgeschichtsforschung in der DDR (Gerhard Harig, Alexander Mette, Friedrich Herneck, Hans Wußing, Ilse Jahn, Conrad Grau, Gisela Buchheim, Rolf Sonnemann u. a.) vor und gibt eine kurze Übersicht über die institutionelle Situation des Fachgebiets bis 1990.

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